Pawa
Informationen zum Hersteller
"Vis" Gesellschaft für Kleinfahrzeuge mbH
Berlin, Dorotheenstraße 35 (Oktober 1921 – Mai 1923)
Der Ingenieur Kurt Passow war der Sohn von Professor Dr. Adolf Passow, einem bekannten Mediziner und Direktor der Ohren-Nasenklinik an der Berliner Universität. Im Jahr 1922 lebte die Familie in der Regentenstraße 14 in Berlin.
Im März 1921 beantragte Kurt Passow im Auftrag der Münchener „Vis, Gesellschaft für Kleinfahrzeuge mbH“ ein Patent für eine „Sitzbefestigung für Fahrräder, insbesondere Motorfahrräder“. Der Sitz wurde im Patent als „Sesselsitz“ speziell für Zweiradfahrzeuge beschrieben. Anfang Januar 1921 ließ Kurt Passow die Bezeichnung „Mäuschen“ offiziell als Marke für Fahrräder, Motorräder und Fahrzeuge eintragen. Allerdings kam dieser Markenname später bei den von Passow entwickelten Fahrzeugen nicht zum Einsatz.
Eine weitere Firma mit Namen „‘Vis‘ Gesellschaft für Kleinfahrzeuge mbH“ mit Sitz in Berlin wurde im Oktober 1921 gegründet, deren Geschäftsstelle in der Dorotheenstraße 35 lag. Die Geschäftsführung übernahm Karl Freiherr von Wangenheim, der bereits vor dem Ersten Weltkrieg als Vertreter stationärer und transportabler Ozon-Apparate tätig war. Der Unternehmenszweck der „Vis“ umfasste den Handel sowie die Herstellung von Motorrädern, Kraftfahrzeugen, Fahrrädern und zugehörigen Zubehörteilen.
Ab etwa September 1921 bot „Vis“ neben dem Wegro-Motorrad auch ein leichtes Sesselrad an, das sogenannte „Pawa“-Rad. Der Name Pawa ist vermutlich ein Akronym aus den Nachnamen Passow und von Wangenheim. Das Fahrzeug verfügte über eine Blechverkleidung sowie Federungen an Vorder- und Hinterrad. Mit großer Wahrscheinlickeit stammte der in der Pawa eingebaute überkomprimierte Einzylinder-Zweitaktmotor mit Luftspülung von Wegro. Er zeichnete sich durch eine effiziente Brennstoffausnutzung aus. Die Kompression wurde mithilfe eines Hilfskolbens und eines hängenden Einlassventils gesteuert – weshalb dieser Motor auch als „ohv-Zweitakter“ bezeichnet wurde. Mit einer Bohrung von 60 mm und einem Hub von 80 mm erreichte das Aggregat eine Leistung von circa 2,5 PS. Im Motorblock waren Schwungrad, Lamellen-Kupplung, Zweigang-Getriebe und Schwungradmagnet integriert. Die Kraftübertragung zum kleinen Hinterrad (20 x 2,5 Zoll) erfolgte per Kette oder Keilriemen. Bei einem Eigengewicht von circa 85 kg konnte das Sesselrad eine Geschwindigkeit von bis zu 65 km/h erreichen. Der Motor wurde per Kickstarter in Betrieb genommen und der gepolsterte Sesselsitz ließ sich sowohl nach vorne oder hinten als auch in der Höhe verstellen. Nach einem Bericht in der Zeitschrift „Das Motorad“ wurde das Pawa-Rad von „Vis“ in Berlin gefertigt.
Es liegen auch Hinweise vor, dass es eine alternative 3 PS Motorisierung des Pawa-Sesselkraftrades gegeben haben könnte, das einen Zweizylinder Bosch-Douglas Viertakt-Boxer-Motor mit circa 362 ccm Hubraum verwendete.
Bei der ADAC-Reichsfahrt im Oktober 1922 findet man die Nennung einer Pawa-Maschine in der Teilnehmerliste.
Pawa Krafträder wurden in Mannheim von der „Motorrad-Zentrale Karl Lövenich“ vertrieben. In München übernahm die „Vis Aktiengesellschaft für Fahrzeug- und Motorenbau“ den Vertrieb, während in Dahlbruch/Hagen der Zweiradhändler Hermann Jüngst (siehe unter „Sieg“) dafür zuständig war. In Bonn und Köln fand der Verkauf über die Generalvertretung „ROVA Dampf-Vulkanisieranstalt Robert Oberdörfer“ statt. Das Modell wurde außerdem auf der Berliner Sport-Ausstellung 1922 präsentiert, wo außerdem eine dreirädrige Version vorgestellt wurde, welche auch zur Verwendung als Lieferfahrzeug angeboten wurde. Die Vorrichtung zur Umwandlung in ein Dreirad war bereits im März 1921 zum Patent angemeldet worden.
Die Pawa wurde ungefähr von September 1921 bis mindestens Mai 1923 angeboten. Weshalb die Produktion bei der „Vis“ eingestellt wurde, ist nicht eindeutig belegbar. Man kann aber davon ausgehen, dass nach der Zusammenlegung der „Motorpflugwerke München GmbH“ und der „Vis Gesellschaft für Kleinfahrzeuge GmbH“ zum Jahreswechsel 1922/1923 zur „Vis Aktiengesellschaft für Fahrzeug- und Motorenbau“ man sich anschließend verstärkt der Fertigung und Vermarktung der eigenen „Vis“-Motorrädern widmete (siehe unter „Vis“). Nachdem die Fertigung der Pawa endete, suchte Passow neue Geldgeber in Braunschweig, um sein weiterentwickeltes Sesselrad unter dem neuen Markennamen „PER“ herzustellen.
(Zusammengestellt von: Helmut Kraus. Dezember 2025)
Quellen:
(1) Deutscher Reichsanzeiger, 1921, 1923
(2) Adressbuch Berlin, 1922-1927
(3) Mannheimer General-Anzeiger, 1922
(4) Berliner Tageblatt, 1909, 1922
(5) Illustrierte Motorzeitung, 1922
(6) Das Motorrad, 1922
(7) Der Motorfahrer, 1921
(8) Bonner Zeitung, 1921
(9) General-Anzeiger, 1921
(10) Kölnische Zeitung, 1922
(11) Der Mittag, 1922-1923
(12) Hagener Zeitung, 1923
(13) Sauerländisches Volksblatt, 1923
(14) Deutsche Vacuum Mobiloel 1924
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