Schwalbe
Informationen zum Hersteller
Gebrüder Spiegler
Motorfahrzeugfabrik
Aalen (Württemberg)
Im Juni 1920 erwarb die Firma Gebrüder Spiegler die Herrenmühle in Aalen und verlegte dorthin ihre mechanische Werkstätte. Am 27. April 1921 wurde das Unternehmen als offene Handelsgesellschaft eingetragen. Gesellschafter waren die Mechaniker Ludwig, Georg und Rupert Spiegler sowie der Kaufmann Josef Spiegler.
Zum frühen Produktionsprogramm gehörte der Schwalbe-Zweizylinder-Viertakt-Einbaumotor mit 1,5 PS. Die horizontal angeordneten Zylinder arbeiteten gegenläufig; konstruktiv handelte es sich damit um einen Boxermotor, dessen Ventile vermutlich seitlich gesteuert wurden. Mehrere Gebrauchsmuster sicherten die Konstruktion ab, darunter eine Schmiervorrichtung für Zweizylinder-Viertakt-Fahrradhilfsmotoren.
Der Zündmagnet war mittig unterhalb des Motorgehäuses angebracht. Das komplette Antriebsaggregat wurde mit in Fahrtrichtung ausgerichteten Zylindern in gewöhnliche Herrenräder eingebaut und unter dem oberen Rahmenrohr montiert. Der zylindrische Kraftstofftank lag auf dem Rahmenrohr. Diese Anordnung führte zu einem hohen Schwerpunkt und dürfte die Straßenlage nachteilig beeinflusst haben. Die Kraftübertragung erfolgte über eine Kette auf das Hinterrad. Ein um 1928/1929 erschienener Verkaufsprospekt griff die Firmengeschichte auf und nannte für diesen Fahrradmotor einen Hubraum von 175 ccm.
Zweizylinder-Boxermotoren als Fahrrad-Hilfsmotoren wurden 1921 auch von anderen Herstellern angeboten, darunter von Gebrüder Lorenz in Berlin-Neukölln sowie von Kirchheim & Co. in Magdeburg (siehe Kirchheim & Co.). Im Unterschied zu Spiegler und Lorenz arbeitete der Magdeburger Motor jedoch nach dem Zweitaktprinzip.
Im Februar 1924 bewarb die Motorfahrzeugfabrik Gebrüder Spiegler das Schwalbe-Zweizylinder-Motorrad mit 2,5 PS, Zweiganggetriebe, Kickstarter und Leerlauf. Die Zeitschrift Der Motorfahrer stellte das neue Leichtmotorrad im selben Monat ausführlich vor:
„Unter den auf dem Motorradmarkt neu erschienenen Motorrädern verdient auch das Schwalbe-Motorrad Erwähnung. Dasselbe ist mit einem luftgekühlten Zweizylinder-Viertakt-Motor (0,95/2,5 PS) ausgerüstet. Die Zylinderbohrung beträgt 51,5 mm, der Hub 60 mm. Das Schwungrad ist außenliegend. Die weitere Ausrüstung des Motors besteht aus einem Bosch-Zündapparat und einem Pallas-Schwimmer-Vergaser. Der Motor ist von oben gesteuert; die beweglichen Teile wie Kurbelwelle, Nockenwelle und Steuerung laufen auf zwölf Kugellagern, die Pleuelstangen auf Rollenlagern. Die Kurbelwelle ist aus Chrom-Nickelstahl hergestellt, aus dem Vollen gearbeitet, gehärtet und geschliffen. Das Gehäuse besteht aus Aluminiumguss. Als Kolben kommen Hirth-Leichtmetallkolben zur Anwendung. Die Ölung erfolgt automatisch mittels Zahnradpumpe nach einem eigenen Verfahren, wobei die Gasleitung zwecks Vorwärmung stets mit heißem Öl umspült wird, so dass das Motoröl abgekühlt in den Behälter zurückfließt. Die Kraftübertragung erfolgt durch starke Rollenketten. Das Zweiganggetriebe mit Leerlauf, Kickstarter und Korkscheibenkupplung ist in einem Aluminiumgehäuse untergebracht. Der Motor ist auf dem schneidigen Rahmen sehr tief gelagert, so dass ein sicheres Fahren gewährleistet ist. An Bremsen sind vorgesehen: eine Handbremse (Lederbandbremse) und eine Fußbremse (Innenringbremse). Die Maschine wiegt etwa 75 kg und ist mit allem modernen Komfort, wie bequemen Fußbrettern und Kettenschutzblechen sowie Gepäckträger usw., ausgerüstet. Es wird eine Geschwindigkeit vom Fußgängertempo bis 75 km in der Stunde erreicht.“
Das Zweirad mit 250 ccm Hubraum besaß eine Pendelgabel mit horizontaler Federung. Auffällig waren der unter dem Satteltank angeordnete Ölbehälter und der doppelzügige Rahmen, der U-förmig vom Lenkkopf unter den Motor und weiter zum Sattel verlief. Eine zusätzliche senkrechte Sattelstrebe erhöhte die Rahmensteifigkeit.
Auf der Motorrad-Sport-Ausstellung in Stuttgart im Mai 1924 wurde ein Schwalbe-Leichtkraftrad ausgestellt; der Verbrauch wurde mit rund zwei Litern auf 100 Kilometer angegeben. Noch im April 1925 präsentierte die Firma P. Walter auf der Deutschen Sportausstellung in Nürnberg Schwalbe- und Spiegler-Motorräder.
Dies ist zugleich der bislang letzte belegte Nachweis der Marke „Schwalbe“. Dokumentierte motorsportliche Erfolge lassen sich noch bis September 1925 nachweisen; daher ist von einem Produktionszeitraum zwischen 1921/1922 und 1925 auszugehen. Danach verwendeten die Gebrüder Spiegler für ihre Zweiräder nur noch den Markennamen „Spiegler“ (siehe Spiegler).
Die folgende Übersicht dokumentiert Renneinsätze und Wettbewerbsergebnisse zwischen 1921 und 1925.
|
Datum |
Veranstaltung |
Klasse |
Fahrer |
Platz |
|
07.08.1921 |
Motorradfahrt „Rund um Stuttgart“ |
Hilfsmotoren |
Spiegler, Aalen |
1. |
|
20.08.1921 |
2. Fränkische Zuverlässigkeitsfahrt |
Klasse II, bis 250 ccm, |
Spiegler, Aalen |
1. |
|
18.06.1922 |
Bergprüfungsfahrt Stuttgart–Solitude |
Kleinkrafträder und Fahrräder mit Hilfsmotoren |
R. Spiegler, Aalen |
2. |
|
27.08.1922 |
Verbrauchsprüfungsfahrt Stuttgart-Degerloch |
Fahrräder mit Hilfsmotor |
Rupert Spiegler |
1. |
|
02.09.1922 |
Berg- und Flachprüfungsfahrt Bad Kissingen |
Klasse III, bis 350 ccm |
Spiegler, Aalen |
3. |
|
06.05.1923 |
Gleichmäßigkeitsfahrt „Rund um Stuttgart“ |
Kleinkrafträder ohne Tretvorrichtung bis 0,75 Steuer-PS |
Haug, Stuttgart |
2. |
|
13.05.1923 |
Frühjahrs-Zuverlässigkeitsfahrt Mannheim |
Klasse 2 |
Spiegler, Aalen |
2. |
|
17.06.1923 |
Solitude-Bergrennen |
Kleinkrafträder mit und ohne Tretvorrichtung über 130 bis 200 ccm |
Richard Haug |
–
6. |
|
27.04.1924 |
3. Frühjahrs-Zuverlässigkeitsfahrt durch den badischen Odenwald (Mannheim) |
Kategorie 2, |
|
|
|
18.05.1924 |
Solitude |
150 bis 250 ccm, Gruppe B II |
Rupert Spiegler |
3. |
|
22.06.1924 |
Bergprüfungsfahrt der Motorradvereinigung Hohenlohe, Schwäbisch Hall |
Klasse II, bis 250 ccm |
Spiegler, Aalen |
beste Zeit (außer Konkurrenz) |
|
06.07.1924 |
Bergrennen Königstuhl |
Leichtkrafträder bis 250 ccm |
|
|
|
04.08.1924 |
Saalburg-Rennen |
bis 250 ccm |
Werner Dieterich |
3. |
|
03.05.1925 |
4. Bergprüfungsfahrt an der Pforte des Schwarzwaldes, Pforzheim |
Klasse II, bis 175 ccm |
Max Silbereisen |
1. |
|
26.07.1925 |
Samerberg-Fahrt, Rosenheim |
Klasse II, bis 250 ccm |
Eduard Stemmer |
2. |
|
06.09.1925 |
Salzbergfahrt 1925, Motorsportklub Berchtesgaden |
Klasse II, bis 250 ccm |
Eduard Stemmer |
1. |
|
27.09.1925 |
2. Antonibergfahrt, |
bis 250 ccm |
Eduard Stemmer |
1. |
(Zusammengestellt von Frank Grüneboom, Juni 2026.)
Quellen- und Literaturverzeichnis
1. Archivalische und amtliche Nachweise
Deutscher Reichsanzeiger, 1921.
2. Zeitungen und Zeitschriften
Badische Presse, 1923.
Buchauer Zeitung, 1920.
Der Auto-Markt, 1924.
Der Motorfahrer, 1924.
Essener Anzeiger, 1924.
Export-Nachrichten, 1925.
Hannoverscher Kurier, 1925.
Illustrierte Motorzeitung, 1922.
Laupheimer Verkündiger, 1924.
Mannheimer General-Anzeiger, 1923–1924.
Münchner Neueste Nachrichten, 1921, 1925.
Sportzeitung des Stuttgarter Neuen Tagblatts, 1924–1925.
Stuttgarter Neues Tagblatt, 1921–1924.
Süddeutsche Zeitung, 1923–1924.
Verbo. Schussen-Bote, 1920.
Württemberger Zeitung, 1921, 1924.
3. Firmen- und Werbematerial
Gebrüder Spiegler, Aalen: Werbeblatt, o. J. [vermutlich Herbst 1921].
Gebrüder Spiegler, Aalen: Prospekt Modelle 350, 500 und 600 ccm, o. J. [vermutlich 1928/1929].
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