Schliha
Informationen zum Hersteller
Schlüpmann´sche Industrie- und Handelsgesellschaft mbH
Berlin-Niederschöneweide, Fließstraße 15 (Januar 1925 – Juni 1929)
„Schliha“ Schlüpmann´sche Industrie- und Handelsgesellschaft mbH
Berlin-Niederschöneweide, Fließstraße 15 (Juni 1929 – ca. 1940)
Berlin-Adlershof, Adlergestell 265 (ca. 1940 – ca. 1943)
Die Marke „Schliha“ geht auf die Firma zurück, die ursprünglich unter dem Namen „‘Eurasa‘ Export- und Handelsgesellschaft mit beschränkter Haftung“ in Berlin gegründet wurde. Ziel des Unternehmens "Eurasa" war vor allem der Export von Waren von Europa nach Afrika und Amerika. Geleitet wurde die Gesellschaft vom Berliner Ingenieur Heinrich Schlüpmann. Später erhielt das Unternehmen Unterstützung durch Leendert Cornelis van de Ven. Anfang 1925 entschieden die Gesellschafter, den zwischenzeitlichen Firmennamen „van de Ven und Schlüpmann Import und Export GmbH“ in „Schlüpmann´sche Industrie- und Handelsgesellschaft mbH“ umzuwandeln. Der Schwerpunkt des Betriebs lag nun auf der Produktion und dem Vertrieb von Motoren, Kraftfahrzeugen und Zubehör. Im Mai 1927 schied van de Ven aus der Geschäftsleitung aus.
Aus dieser geschäftlichen Neuausrichtung entstand zunächst ein Schliha-Tourenmotorrad mit einem 125 ccm Einzylinder-Zweitaktmotor unter Verwendung eines Stufenkolbens, das 1928 in Fachzeitschriften wie der „Motor und Sport“ zum Preis von 750 Reichsmark gelistet war. Das Motorrad, das steuer- und führerscheinfrei gefahren werden durfte, verfügte über ein Dreigang-Getriebe, einen Kickstarter, eine Parallelogramm-Vorderradfederung, Innenbackenbremsen an beiden Rädern und Ballonreifen. Der verschraubte Doppelrohrrahmen bestand aus einzeln gefertigten Rohren und wurde als besonders bruchfest beworben. Den „Schliha“-Motor konnte man auch separat mit Vergaser, Luftstutzen und Magnet erwerben. Später gab es zudem eine weitere Version des Einbaumotors mit 170 ccm Hubraum im Angebot von Großhändlern.
Drei Schliha-Maschinen der Schlüpmann´schen Industrie- und Handelsgesellschaft mbH starteten bei der Deutschen Sechstagefahrt des DMV vom 18. bis 23. Juli 1928 in Pößneck, Thüringen. Bereits auf der ersten Etappe mussten sowohl der Berliner Schliha-Fahrer A. Bobsien sowie der Firmeninhaber Heinrich Schlüpmann selbst aufgrund technischer Defekte aus dem Rennen ausscheiden. Auch die dritte Schliha von Michelchen fiel wegen eines Maschinenschadens aus.
Zur Autoschau am Berliner Kaiserdamm im November 1928 schreibt die „Deutsche allgemeine Zeitung“: „Eine ganze Anzahl neuer und praktisch wertvoller und wirksamer Ideen sind bei den von der Schlüpmannschen Industrie- und Handelsgesellschaft mbH, Berlin-Niederschöneweide, ausgestellten Motorrädern verwirklicht. Sie zeigt ein 194 ccm-Modell mit 8,4 Brems-PS (835 Mark) und ein 300 ccm-Modell mit 12,9 PS (965 Mark) und ein wassergekühltes 250 ccm-Modell (990 Mark) mit 14 PS Leistung. Die hohen effektiven PS-Stärken werden nicht allein durch höchste Tourenzahl erreicht, sondern durch das äußerst günstige Füllungsverhältnis der Schliha-2-Takt-Motoren. Die sinnreiche Zylinder- und Kolbenkonstruktion verhindert eine Überhitzung durch restlose Durchspülung. Bei dem wassergekühlten Modell ist der Kühler in den Tank eingebaut. Durch die Form des Tanks wird eine Druck- und Saugwirkung auf die Kühlkanäle ausgeübt und somit gute Kühlung auch bei langsamer Fahrt erreicht. Der verwendete verschraubte, bruchfeste Doppelrahmen verdient ebenfalls noch Hervorhebung.“
Die Steuerung des Gemisches innerhalb des Zylinders erfolgt mittels einer auf dem Kolben integrierten Stufe über einen zylindrischen Fortsatz, der durch den Kolben hindurch eine Verbindung zum Kurbelgehäuse herstellt. In der oberen Totpunktstellung gelangt durch diesen Fortsatz über einen speziellen Schlitz Frischluft in den Zylinder, die sich mit dem von unten zugeführtem Gemisch vermengt. Während der Abwärtsbewegung des Kolbens öffnet dieser zunächst die Auspuffschlitze und anschließend ringförmig am Kolbenfortsatz angeordnete Überströmschlitze, durch welche die vorgelagerte Frischluft einströmt und die Auspuffgase vollständig aus dem Zylinder verdrängt. Erst danach tritt das Brennstoff-Luftgemisch in den Verbrennungsraum ein. Diese Konstruktion gewährleistet, dass während des Spülprozesses kaum Gasgemisch verloren geht, wobei die Spülwirkung äußerst effizient ausfällt und gleichzeitig die Ableitung der entstehenden Wärme verbessert wird.
1929
Die Produktion des wassergekühlten Modells wurde offenbar im Verlauf des Jahres 1929 eingestellt. Wahrscheinlich führten die hohen Herstellungskosten dazu, dass der Verkaufspreis nicht konkurrenzfähig war.
Das Motorrad-Angebot für die Saison 1929 enthält folgende Typen:
- M2 Tourenmodell, 200 ccm Zweitakt-Einzylinder, Grauguss-Zylinder, steuerfrei, Leistung 7,8 PS, Höchstgeschwindigkeit 80 km/h
- M3 Sportmodell, 200 ccm Zweitakt-Einzylinder, Hub 70 mm, Bohrungen für den Stufenkolben mit 35 mm und 69 mm, abnehmbarer Leichtmetall-Zylinderkopf, steuerfrei, Amac-Vergaser, Einscheiben-Korklamellenkupplung, Tiger-Federgabel, Gazda-Federlenker, Pränafa-Innenbackenbremsen, Leistung 8,4 PS, Höchstgeschwindigkeit 85 km/h
- M4 Sportmodell, 300 ccm Zweitakt-Einzylinder, Hub 70 mm, Bohrungen 40 mm und 75 mm, Doppelport, Amac-Vergaser, Zweischeiben-Korklamellenkupplung, Tiger-Federgabel, Pränafa-Innenbackenbremsen, Leistung 12,9 PS, Höchstgeschwindigkeit 100 km/h
Das Tourenmodell mit 200 ccm wurde im Laufe des Jahres aus dem Angebot genommen. Die Generalvertretungen für Schliha-Motorräder wurden wie folgt vergeben: Otto Guhl übernahm Hamburg und Norddeutschland, E. Gerhardt betreute Leipzig und Sachsen, Emil Mocker war zuständig für Dresden, Ferdinand Ulmer vertrat Breslau und Schlesien, Peter Doetsch jr. Und Werner Guttmann kümmerten sich um das Rheinland und Westfalen und Rudolf Grosser übernahm München und Bayern. In Berlin konnte man Schliha-Motorräder bei den Händlern Paul Sawallisch, Ernst Heinold, E. & R. Kämmereit oder bei A. Drabent erwerben.
Man ändert Mitte 1929 den Firmennamen in „‘Schliha‘ Schlüpmann´sche Industrie- und Handels-Gesellschaft mbH“.
Im April 1929 wurde eine Schliha-Maschine bei der Zuverlässigkeitsfahrt um den Preis der Roemryke-Berge auf dem Nürburgring gemeldet. Bei der Internationalen Sechstagefahrt im August 1929 trat ein Werksteam mit den Fahrern Adolf Bobsien, Alfred Wiemer und Rudolf Schirmer in der Klasse bis 350 ccm Hubraum sowie Hans Günther Ryll als Einzelfahrer in der Klasse bis 250 ccm Hubraum an. Während der zweiten Etappe erlitt Bobsien eine leichte Handverletzung, setzte das Rennen jedoch zunächst fort, musste aber am dritten Tag aufgeben. Wiemer und Ryll schieden ebenfalls im weiteren Verlauf aus.
1930
Im Frühjahr 1930 erschien ein neues Motorrad-Modell unter dem Namen „M3,5“. Dessen Motor bringt eine Bremsleistung von 12 PS und ermöglicht Geschwindigkeiten bis zu 110 km/h. Das Motorrad ist ausgestattet mit einem Dreiganggetriebe, einer Dreischeiben-Korklamellenkupplung, einer Tiger-Federgabel, einem Amac-Vergaser und Pränafa-Innenbackenbremsen. Alle Modelle für diese Saison besitzen einen verschraubten Rohrrahmen und einen hell lackierten Satteltank.
- M2, 200 ccm Zweitakt-Einzylinder, steuerfrei, Zweischeiben-Korklamellenkupplung, Satteltank, Leistung 8,4 PS, bzw. 6 PS, Höchstgeschwindigkeit 80-85 km/h, ansonsten vergleichbar wie Baujahr 1929
- M3, schnelle Sport- und Soziusmaschine, 300 ccm Zweitakt-Einzylinder, Hub 70 mm, Bohrungen 35 mm und 82 mm, Doppelport, Leistung 9,6 PS, Höchstgeschwindigkeit 90-100 km/h, ansonsten vergleichbar wie Baujahr 1929
- M3,5, Zweitakt-Einzylinder, Doppelport mit 350 ccm Hubraum, Hub von 86 mm sowie Bohrungen von 40 mm und 82 mm für den Stufenkolben, Leistung 12 PS, Höchstgeschwindigkeit 100-110 km/h, mit 30 Watt Zündlicht-Anlage, Boschhorn
Bei der Motorrad-Sechstagefahrt im Mai 1930, die in Marienberg im Erzgebirge startete, stellte Schliha erneut eine Mannschaft mit den neuen 350er Schliha-Maschinen auf. Doch schon am ersten Tag schied der Berliner Müller jun. wegen Zeitüberschreitung aus. Ryll wurde disqualifiziert, weil er die Strecke unerlaubt abkürzte, und am vierten Tag musste Wiemer aufgrund eines technischen Defekts aufgeben. Neben Zuverlässigkeitsfahrten wie dieser nahm Wiemer außerdem an schnellen Rennveranstaltungen teil, zum Beispiel im Juli 1930 beim Rennen „Rund um Schotten“.
1931
Folgende Modelle waren für Januar 1931 angeboten:
- M2, 200 ccm Zweitakt-Einzylinder, Leistung 6,5 PS
- M3, 300 ccm Zweitakt-Einzylinder, Leistung 9,5 PS (vermutlich bis etwa Juli 1931 produziert)
- M3,5, Sportmaschine, 350 ccm Zweitakt-Einzylinder, Leistung 12 PS, Höchstgeschwindigkeit 100 km/h
- T 500, Touren- und Sportmaschine, 500 ccm Zweitakt-Einzylinder, Leistung 22 PS, Höchstgeschwindigkeit ca. 130 km/h (ab etwa Juli 1931 im Programm)
Die Modellbezeichnungen werden voraussichtlich zur Jahresmitte von „M“ auf „T“ geändert. Das 300-ccm-Modell nimmt man aus dem Programm. Stattdessen wird eine leistungsstarke Touren- und Sportmaschine mit 500 ccm eingeführt, deren Hubraum im Folgejahr auf 600 ccm erhöht wird. Die hier verbauten gegossenen Leichtmetall-Auspuffkrümmer verfügen über zusätzliche Kühlrippen. Im Unterschied zu den bisherigen Schliha-Modellen befindet sich die Schwungscheibe bei diesem Modell auf der linken Motorseite. Zur Optimierung der Verbrennung erhält der Brennraum eine weitere, seitlich angeordnete Zündkerze. Die Hinterradachse wird als Tiger-Steckachse ausgeführt. Das Motorrad war zudem optional mit Seitenwagen erhältlich. Die Generalvertretung in Hamburg lag bei „Schlüter & Liebner“.
Im April 1931 startete der Magdeburger Boring auf einer Schliha-Maschine in der Hubraumklasse bis 250 ccm beim Großen Frühlingspreis auf der Radrennbahn in Halle und belegte dort den dritten Platz. Für die ADAC-Dreitagfahrt im Mai meldete das Unternehmen Schliha ein eigenes Werksteam an. Direkt nach dem Start musste das Team jedoch einen Ausfall verkraften, da Franz Heck seine Maschine gegen den Willen der Firma verändert hatte und diese dadurch nicht durchhielt. Auch beim Sachsenring-Rennen in Grillenburg war eine Schliha-Maschine am Start gemeldet.
1932
Das Motorradprogramm für 1932 wies folgende Modelle auf:
- T 200, 200 ccm Zweitakt-Einzylinder, steuerfrei
- T 350, 350 ccm Zweitakt-Einzylinder
- T 600, 600 ccm Zweitakt-Einzylinder
Ab etwa 1932 orientierte sich das Unternehmen neu und begann zusätzlich Motoren für die Luftfahrtindustrie anzubieten. Zunächst entstand ein Zweizylinder-Zweitaktmotor. Ein Beispiel hierfür war der um 1937 entwickelte 20-PS-Schliha-Flugzeugmotor, der im Erla-Motorgleiter 6 verbaut wurde. Dieses Modell blieb offenbar ein Einzelstück und gelangte nicht in die Serienproduktion. Die Weiterentwicklung der Motorradmodelle wurde eingestellt. Es wurden keine neue Typen auf den Markt gebracht. Die Modellpalette bestand weiterhin aus den Ausführungen mit 200 ccm, 350 ccm und 600 ccm Hubraum, die bis 1934 in den Preislisten der Fachzeitschriften geführt wurden.
Heinrich Schlüpmann jun. nahm 1933 offenbar mit einer eigenen Schliha-Maschine an der ADAC-Dreitagefahrt im Harz teil. Für die etwas später stattgefundene „2000-Kilometer-Fahrt“ wurden zwei Schliha-Maschinen gemeldet.
Etwa 1943 wurde Heinrich Schlüpmann junior, wohnhaft in Birkenwerder, zusammen mit zwei weiteren Angestellten zum Prokuristen bestellt. Die Firma hatte seit etwa 1940 ihren Sitz in Adlershof, Adlergestell 265. Das Unternehmen setzte seine Tätigkeit bis kurz vor Kriegsende fort und war in dieser Zeit mit der Produktion sowie dem Vertrieb von Motoren befasst.
(Zusammengestellt von: Helmut Kraus. Februar 2026)
Quellen:
(1) Deutscher Reichsanzeiger, 1920, 1925, 1927-1929, 1943
(2) Adressbuch Berlin, 1928-1943
(3) Motor und Sport, 1927-1929, 1931-1934
(4) Motorrad-Sport, 1928
(5) Berliner Börsen-Zeitung, 1925, 1928-1930
(6) Berliner Tageblatt, 1928
(7) Deutsche allgemeine Zeitung, 1928-1929
(8) Hallische Nachrichten, 1928, 1931
(9) Westfälische neueste Nachrichten, 1929
(10) Kölnische Zeitung, 1929
(11) Dortmunder Zeitung, 1929-1930
(12) Hannoverscher Kurier, 1929-1930, 1938
(13) Hannoversches Tageblatt, 1929
(14) Castrop-Rauxeler Volkszeitung, 1929
(15) Riesaer Tageblatt, 1929
(16) Stuttgarter neues Tagblatt, 1929
(17) ADAC Motorwelt, 1930
(18) Deutsche Motor-Zeitschrift, 1929-1930
(19) Vorwärts, 1930
(20) Gießener Anzeiger, 1930
(21) Das Motorrad, 1929-1934
(22) Hamburger Fremdenblatt, 1929-1931
(23) Saale Zeitung, 1931
(24) Münsterischer Anzeiger, 1931
(25) Neue Mannheimer Zeitung, 1931, 1933
(26) Dresdner Nachrichten, 1931
(27) Der sächsische Erzähler, 1932
(28) Süddeutsche Zeitung, 1932
(29) Hakenkreuzbanner, 1933
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