R S Scheid Henninger
Informationen zum Hersteller
Scheid-Henninger
Motorfahrzeugbau
Gerwigstraße 18
Karlsruhe
(1924 – 1929)
Otto Fr. Henninger
Motorfahrzeugbau
Gerwigstraße 18
Karlsruhe
(1929 – etwa 1930)
Der Firmenname Scheid-Henninger dürfte sich aus den Familiennamen der beteiligten Inhaber zusammensetzen; die genauen Eigentums- und Beteiligungsverhältnisse sind bislang jedoch nicht vollständig belegt. Die Motorräder des Unternehmens wurden unter der Markenbezeichnung R.S. vertrieben. Das Kürzel steht vermutlich für den Ingenieur Robert Scheid, der zugleich als Konstrukteur der Maschinen anzusehen ist. Eine biografische Darstellung zu Robert Scheid findet sich außerdem im Stadtwiki Karlsruhe.
Vermutlich war auch die Karlsruher Familie Henninger an dem Unternehmen beteiligt. Otto Henninger betrieb in der Gerwigstraße 18 eine Brennholzsägerei; unter dieser Adresse und Telefonnummer war Scheid-Henninger in den folgenden Jahren erreichbar. Um 1928 scheint das Unternehmen in mehrere Geschäftsbereiche bzw. Nachfolgeaktivitäten übergegangen zu sein. In diesem Zusammenhang treten der Maschineningenieur Otto Fr. Henninger jr. sowie der Kaufmann Arthur Henninger hervor. Bei beiden könnte es sich um Söhne des Brennstoffhändlers Otto Henninger gehandelt haben; ein abschließender Nachweis steht jedoch aus.
Am 7. Dezember 1923 berichtete die Zeitschrift Sport im Bild über den deutschen Motorradmarkt und erwähnte dabei auch das R.S.-Motorrad. Beschrieben wurde eine Maschine mit Zweizylinder-Motor, dessen Zylinder hintereinander angeordnet waren. Die effektive Leistung wurde mit 9,8 PS angegeben; bemerkenswert war zudem ein Getriebe mit Rückwärtsgang.
Anlässlich der Stuttgarter Motorrad-Sport-Ausstellung vom 16. bis 22. Mai 1924 präsentierte die Firma Scheid-Henninger ihr Motorrad. In einer eigenen Anzeige wurde die Maschine als „Modell 1924“ bezeichnet und mit einer Leistung von 8 bis 9 Brems-PS beworben. Verwendet wurde der 500-cm³-BMW-Boxermotor Typ M2 B15. Hinzu kamen ein separates Dreiganggetriebe mit Kickstarter und Lamellenkupplung. Der Motor war in einem unteren Doppelrahmen aus ovalen Stahlrohren aufgehängt, der mit einem oberen Stahlblechrahmen verschweißt war. Dieser verlief geradlinig vom Steuerkopf zum Hinterrad und diente zugleich als großvolumiger Kraftstofftank, der eine Reichweite von bis zu 600 km ermöglichen sollte. Charakteristisch war außerdem die eigens konstruierte Vorderradgabel mit C-förmiger Blattfeder. Auf zeitgenössischen Abbildungen sind zudem Mittelständer, Kettenantrieb sowie vordere und hintere Bremsnaben zu erkennen. Das Gewicht der Maschine wurde mit 110 kg angegeben.
Ein weiteres, bislang nur fotografisch belegtes Modell verfügte über einen 616-cm³-V-Zweizylindermotor der Marke Wanderer. Blattfedergabel und oberer Stahlblechrahmen blieben konstruktiv unverändert. Unterhalb des Stahlblechrahmens war jedoch ein Doppelschleifenrahmen angebracht, der den Motor hängend aufnahm.
Zum Jahreswechsel 1924/1925 umfasste das Programm drei Modelle: Modell A mit BMW-Motor, 500 cm³, 1,9 Steuer-PS und 8,5 Brems-PS zum Preis von 1.750 RM; Modell B mit Küchen-Einzylindermotor, 350 cm³, 1,3 Steuer-PS und 12 Brems-PS zum Preis von 1.320 RM; sowie Modell C mit Küchen-Einzylindermotor, 500 cm³, 1,9 Steuer-PS und 14 Brems-PS zum Preis von 1.370 RM. Alle drei Ausführungen waren mit Dreiganggetriebe, Kettenantrieb und einer Vorderradgabel mit Blattfederung ausgestattet. Auch die Modelle B und C nutzten die aus dem Vorjahr bekannte Rahmenkonstruktion des Modells mit BMW-Motor. Auf der Badischen Luftfahrtausstellung in Karlsruhe wurden Anfang 1925 überarbeitete Modelle gezeigt. Die Küchen-Motoren blieben im Programm; neu war eine Parallelogramm-Vordergabel mit zwei seitlichen Federn, die an die Druid-Bauart erinnerte.
Im August 1925 wurde das Modell A mit BMW-Motor in der Werbung nicht mehr genannt. Neu erschien stattdessen das Modell E mit englischem Barr-&-Stroud-Schieber-Einzylindermotor, 500 cm³, 1,9 Steuer-PS und 15 Brems-PS. Auch dieses Modell war mit einem Dreiganggetriebe ausgestattet. Neben Motorrädern bot Scheid-Henninger auch Reparaturen, Bereifungen, Zubehör, Benzin und Öle an.
Im Mai 1926 warb Scheid-Henninger mit Maschinen, die Motoren von Küchen und JAP in den Hubraumklassen 350, 500, 600 und 1000 cm³ verwendeten. JAP konnte zu dieser Zeit alle genannten Klassen bedienen; Küchen bot hingegen Einbaumotoren mit 350 bzw. 500 cm³ an. Die Maschinen waren als Touren-, Sport-, Renn- oder Luxus-Ausführung erhältlich, was auf eine weitgehend individuelle Fertigung nach Kundenwunsch schließen lässt.
Für die folgenden Jahre ist das Modellangebot nur lückenhaft dokumentiert. Die Parallelogrammgabel mit seitlichen Federn wurde modellübergreifend durch eine Gabel mit Zentralfeder ersetzt, die vermutlich von KLM stammte. An einer bei Motopedia gezeigten Maschine ist ein Blackburne-Motor zu erkennen. Darüber hinaus ist belegt, dass 1928 und 1929 JAP-Motoren verwendet wurden. Im Herbst 1930 bot Otto Fr. Henninger im Kundenauftrag R.S.-Motorräder mit 175, 300 und 550 cm³ Hubraum an. Ob diese Maschinen tatsächlich noch aus eigener Fertigung stammten, in welchen Jahren sie gebaut wurden und ob sie eindeutig der Marke R.S. zuzuordnen sind, lässt sich derzeit nicht sicher nachvollziehen.
Neben einem 1000-cm³-JAP-Motor scheint auch ein 680-cm³-JAP-Motor verwendet worden zu sein. Bei diesen Zweizylinder-V-Motoren kam weiterhin der bekannte Doppelschleifenrahmen zum Einsatz. Beim erwähnten Blackburne-Modell sowie bei den Einzylinder-Modellen mit seitengesteuerten und kopfgesteuerten JAP-Motoren wurde dagegen unterhalb des Stahlblechrahmens eine offene Rohrrahmenkonstruktion verwendet.
Bereits 1928 deutet vieles auf eine Trennung von Robert Scheid und der Familie Henninger hin.
- Robert Scheid trat ab Februar 1928 an der Sophienstraße 179 als eigenständiger Auto- und Motorradhändler auf. Er verkaufte Motorräder der Marke Tornax, deren Generalvertreter er für Mittelbaden und die Pfalz wurde. Im Juni 1928 ergänzte er sein Angebot um die englischen Motorradmarken AJS und Dunelt. Bei motorsportlichen Veranstaltungen wechselte Robert Scheid vermutlich 1930 auf Automobile der Marke Röhr. Im Mai 1931 war er Händler der Automarke Stoewer; im Oktober wurde er Generalvertreter der Röhr-Auto AG Ober-Ramstadt. Sein Autohaus übernahm im August 1938 M. Rindermann, einschließlich der Generalvertretung der Stoewer-Werke.
- Der Kaufmann Arthur Henninger übernahm ab 1928 die Vertretung für Öle und Fette an der Gerwigstraße 18 einschließlich der Rufnummer der Brennholzsägerei Otto Henninger, die bis dahin von Scheid-Henninger mitgenutzt wurde. Als Einzelkaufmann ließ er sich im Januar 1929 eintragen. Unternehmenszweck war der Handel mit Autozubehörteilen, Fahrrädern, Industriebedarfsartikeln sowie technischen Ölen und Fetten. Noch 1939 betrieb er einen Auto- und Industriebedarf, nun jedoch in der Boettgestraße 7.
- „Scheid-Henninger“ behielt seinen Firmensitz an der Gerwigstraße 18, war fortan jedoch unter einer neuen Telefonnummer erreichbar. In einer Anzeige vom April wurde darauf verwiesen, dass das Unternehmen alleiniger Hersteller der R.S.-Motorräder sei. Offenbar wollte man sich damit von Robert Scheid abgrenzen, der im gleichen Monat mit seinem früheren Bezug zu Scheid-Henninger warb.
Der Firmenname „Scheid-Henninger“ ist zuletzt im Januar 1929 belegt; anschließend trat das Unternehmen unter dem Namen „Otto Fr. Henninger“ auf. In diesem Zusammenhang wurde offenbar auch der Name „Scheid“ aus dem Firmenemblem entfernt. Der Maschineningenieur Otto Fr. Henninger jr. führte die Firma weiter; Werbeanzeigen sind noch bis September 1930 nachweisbar. In den Adressbüchern erscheint das Unternehmen bis Oktober 1932.
Anmerkung: In den Adressbüchern wurde für Scheid-Henninger die Gerwigstraße als Büroanschrift angegeben. Dies legt nahe, dass die Fertigung zumindest zeitweise an anderer Stelle erfolgte. Angaben zur Produktionsstätte finden sich erst um 1931; damals befanden sich neben dem Büro auch Werkstatträume im Hinterhaus der Gerwigstraße 18. Eine Namensgleichheit des Arthur Henninger mit einem Blechnermeister in der Rheinstraße 36 A ist zwar festzustellen, eine Verbindung ist jedoch nicht dokumentiert.
Renneinsätze: Zwischen 1924 und 1929 sind R.S.-Motorräder bei verschiedenen motorsportlichen Veranstaltungen nachweisbar. Neben Robert Scheid und Otto Henninger traten unter anderem Alfred Neugebauer, Helmut Fiebig, Franz Wollmann, Mayer und Karl Hatzner auf R.S.-Maschinen an.
Im Jahr 1924 wurden zunächst vor allem BMW-Motoren eingesetzt. Bei der Deutschlandfahrt 1925 kam erstmals der neue 350-cm³-Küchen-Motor zum Einsatz.
Der 500-cm³-Küchen-Motor wurde 1926 eingesetzt. Mit ihm gewann Helmut Fiebig das Rennen „Rund um den Neroberg“ in der Klasse bis 1000 cm³. Nur zwei Monate später verunglückte der erfolgreiche, erst 21-jährige Fahrer beim Training zum „Großen Preis von Österreich“ tödlich.
Ab Mai 1927 erscheinen in den Ergebnislisten nahezu ausschließlich R.S.-Maschinen mit JAP-Motoren. Schwerpunktmäßig wurden Veranstaltungen in Karlsruhe und im nahen Umland bedient. Die folgende Übersicht bietet einen Auszug aus den Sieger- und Ergebnislisten:
|
Datum |
Veranstaltung |
Klasse |
Teilnehmer |
Platzierung |
|
13.04.1924 |
Bergprüfungsfahrt Durlach – Thomashof |
IV – B-Fahrer |
Alfred Neugebauer, Karlsruhe |
3. Platz |
|
18.05.1924 |
Solitude Bergrennen |
bis 500 ccm |
Alfred Neugebauer, vermutlich mit BMW-Motor |
13. Platz |
|
28.09.1924 |
2. Karlsruher Wildparkrennen |
bis 500 ccm |
Alfred Neugebauer |
3. Platz |
|
02.08.1925 |
3. Karlsruher Wildparkrennen |
bis 500 ccm Junioren |
Robert Scheid, Karlsruhe |
2. Platz |
|
20.09.1925 |
4. Bergprüfungsfahrt Malsch Freiolsheim |
bis 350 ccm Senioren |
Helmut Fiebig, Karlsruhe |
2. Platz |
|
02.05.1926 |
4. Karlsruher Wildparkrennen |
bis 350 ccm, |
Helmut Fiebig |
5. Platz |
|
11.05.1926 |
Bergprüfungsfahrt „Hohe Wurzel“ |
bis 750 ccm |
Helmut Fiebig, |
2. Platz |
|
13.05.1926 |
Rennen „Rund um den Neroberg“ |
bis 1000 ccm |
Helmut Fiebig, |
1. Platz |
|
03.10.1926 |
Das Mannheimer Motorrad-Dreiecksrennen |
350 ccm |
O. Henninger, Karlsruhe |
2. Platz |
|
29.05.1927 |
5. Karlsruher Wildparkrennen |
bis 350 ccm |
Scheid, |
3. Platz |
|
10.07.1927 |
VI. Karlsruher Wildparkrennen, |
Seitenwagen bis 600 ccm |
Hatzner, |
2. Platz |
|
14.08.1927 |
Taubensuhl Bergrennen 1927 bei Landau (Pfalz) |
bis 750 ccm |
Henninger, |
2. Platz |
|
04.09.1927 |
6. Frankfurter Motorrad-Dreiländerfahrt |
bis 350 ccm |
Henninger |
3. Platz |
(Zusammengestellt von Frank Grüneboom, Juli 2026)
Quellen- und Literaturverzeichnis
Adressbücher
Adressbuch der Stadt Karlsruhe, 1923/24 bis 1933/34.
Zeitungen und Zeitschriften
Badischer Beobachter, 1924, 1926 und 1931.
Badische Presse, 1924 bis 1930.
Der Führer, 1938 und 1939.
Der Motorfahrer, 1924; digital verfügbar bei Motopedia.
Deutsche Allgemeine Zeitung, 1926.
Echo der Gegenwart, 1926.
Hannoverscher Kurier, 1926.
Karlsruher Tagblatt, 1924 bis 1926, 1928, 1930 und 1933.
Karlsruher Zeitung, 1925, 1928 und 1929.
Motor und Sport, 1926.
Münchner Neueste Nachrichten, 1927.
Sonderbeilage zum Karlsruher Tagblatt, 1925.
Sport im Bild, 1923.
Sportzeitung des Stuttgarter Neuen Tagblatts, 1927.
Stuttgarter Neues Tagblatt, 1924 bis 1927 und 1931.
Süddeutsche Zeitung, 1924.
Württemberger Zeitung, 1927.
Zentralblatt für die Israeliten Badens und Pfalz, 1931.
Literatur
Vogelsang, C. Walther: Das Motorrad. Sein Bau und seine Behandlung.
Onlinequellen
Das Motorrad-Forum des Veteranen-Fahrzeug-Verbandes VFV, online verfügbar; zuletzt eingesehen am 16.07.2026.
Stadtwiki Karlsruhe: „Robert Scheid“, online verfügbar unter: https://ka.stadtwiki.net/Robert_Scheid; zuletzt eingesehen am 16.07.2026.
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