Atlantic
Informationen zum Hersteller
Wendriner Aktiengesellschaft für Automobilbetrieb
Berlin W 8, Kronenstraße 6 (April 1921 – mind. 1923)
Atlantic Aktiengesellschaft für Automobilbau
Berlin W 8, Kronenstraße 6 (November 1921 – mind. Februar 1922)
Berlin W 30, Motzstraße 8 (vermutlich 1922 – 1923)
Berlin-Tempelhof, Bessemerstraße 2 (ca. 1923 – August 1924)
Der Atlantic-Einspurwagen repräsentierte Mitte 1921 einen neuartigen Typ von Kraftfahrzeug. Das Konzept lässt sich als Kraftrad mit einer Tandem-Wagen-Karosserie charakterisieren, wobei zwei hintereinander angeordnete Sitze mit komfortabler Clubsesselpolsterung verbaut wurden. Zur Erleichterung des Ein- und Aussteigens und zur Minimierung des Kipp-Risikos war das Fahrzeug beidseitig mit absenkbaren Stützrädern ausgestattet, die zudem das Anfahren und Halten erleichtern sollten. Die seitlichen Hilfsräder wurden durch Motorkraft hochgezogen. Das Fahrgestell bildete ein kastenförmiger Rahmen aus Stahlblech.
Für den Antrieb kam der M2 B15 BMW-Motor zum Einsatz, ein 4 PS starker Boxer-Viertaktmotor mit 68 mm Bohrung und Hub, entsprechend einem Hubraum von etwa 500 ccm bei 1,8 Steuer-PS. Die Motorkühlung wurde durch einen am Schwungrad angebrachten Ventilator optimiert. Der entsprechende Vergaser stammte ebenfalls von BMW, während der Hochspannungsmagnet von Bosch geliefert wurde. Ursprünglich verfügte das Getriebe über zwei Gänge, laut Beschreibung von 1922 jedoch bereits über drei Geschwindigkeitsstufen. Die Kraftübertragung auf das Hinterrad erfolgte zunächst per Rollenkette und später auch mittels Kardanwelle. Eine spezielle Federung wurde sowohl an Vorder- als auch Hinterrad realisiert.
Das Fahrzeug wog circa 220 Kilogramm und konnte vom Fahrerplatz aus mittels Kickstarter angelassen werden. Im beladenen Zustand mit zwei Personen erreichte es eine Geschwindigkeit von ca. 70 km/h. Zum Schutz vor Fahrtwind und Regen war eine Windschutzscheibe installiert; zusätzlich konnte ein Verdeck erworben und angebracht werden. Die Bremsanlage umfasste jeweils eine Hand- und eine Fußbremse, die auf das Hinterrad wirkten.
Für verschiedene konstruktive Merkmale des Atlantic-Einspurwagens wurde im Juni 1921 Patentschutz im Deutschen Reich beantragt; als Erfinder ist Diplom-Ingenieur Hans Henkel aus Berlin-Karlshorst ausgewiesen.
Der Atlantic-Einspurwagen wurde zunächst durch die „Wendriner Aktiengesellschaft für Automobilbetrieb“ in Berlin beworben und vertrieben, eine im April 1921 gegründete Gesellschaft mit den Vorständen Hans Wendriner, Ernst Canter und Friedrich Martin Barschall. Das Fahrzeug konnte im Rahmen der „Deutschen Automobil-Ausstellung“ in Berlin Ende 1921 sowie auf der „Deutschen Ostmesse“ in Königsberg vom 19. bis 24. Februar 1922 besichtigt werden.
In den Geschäftsräumen der Berliner Firma „J. Dreyfus & Co.“ wurde am 5. November 1921 die „Atlantic Aktiengesellschaft für Automobilbau“ gegründet. Das Hauptanliegen der Gesellschaft lag im Bau des Einspurwagens Atlantic, der auch auf der kurz vorher stattgefundenen Leipziger Technischen Messe großes Interesse weckte. Die Gründer waren:
- Bergassessor a.D. Hans Wendriner (Berlin)
- Bankhaus J. Dreyfus & Co. (Berlin)
- Direktor Heinrich Brettschneider (Berlin)
- Direktor Franz Josef Popp (München)
- Bankhaus E. Heimann (Breslau)
- Bankhaus Lazard Speyer-Elissen (Frankfurt am Main)
- Ingenieur Wilhelm Strauß (München)
- Direktor Alfred Jacobi (Berlin)
Dem Aufsichtsrat gehörten unter anderem Reichsminister a.D. Dr. Koeth, Bergassessor Hans Wendriner, der Geheime Regierungsrat und Professor Dr.-Ingenieur e.h. Ernst Reichel von der Technischen Hochschule Charlottenburg, sowie die Vorstandsmitglieder der Bayerischen Motoren-Werke Franz Josef Popp und Ingenieur Wilhelm Strauß an. Auch Heinrich Brettschneider, Vorstandsmitglied der „C.D. Magirus AG“, war Teil des Gremiums. Zum Vorstand wurden Diplom-Ingenieur Hans Henkel, der Konstrukteur des Einspurwagens, und Direktor Ernst Canter berufen; später wurde Canter durch Dr.-Ingenieur Dr. Waldemar Koch ersetzt.
Im Februar 1923 traten Professor Dr. E. Reichel, Direktor W. Strauß und Direktor F.J. Popp aus dem Aufsichtsrat zurück. Im Vorstand ergab sich ebenfalls eine Änderung: Paul Fuhrmann übernahm das Mandat von Hans Henkel. Mitte des Jahres 1923 wurde die Auflösung der Gesellschaft beschlossen. Die Liquidation war ein Jahr später beendet, woraufhin die Firma aus dem Handelsregister gelöscht wurde.
(Zusammengestellt von: Helmut Kraus. März 2026)
Quellen:
(1) Der Motorfahrer, 1921
(2) Der Motor, 1921
(3) Österreichischer Motor – Der Flug, 1922
(4) Handelsregister Berlin, 1923
(5) Dortmunder Zeitung, 1921
(6) Westfälischer Merkur, 1921
(7) Hoppenstedt, Handbuch der deutschen Aktiengesellschaften, 1921/1922
(8) Deutscher Reichsanzeiger, 1922-1924
(9) Der Motorwagen, 1922
(10) Adressbuch Berlin, 1922
(11) Die Voss, 1922
(12) Illustrierte Motorzeitung, 1922
(13) Handelsregister Berlin, 1923-1924
(14) Kölnische Zeitung, 1924
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